Hacker, Surma: Co-Writing

Gerlinde Hacker, Eva Surma
CO-WRITING

Eschatologie
(1.1.2026)

milliardenjahre 
entstehung aus einer zelle 
fabuliere eine schöne zukunft 
dann kann die gegenwart getrost 
ein speibsackerl bleiben 
………… gerlinde hacker 

Aller Anfang ist leicht. 
An die bestmögliche aller Welten glauben. 
Vorgedachtes mitdenken. 
Ein schwarzes Loch sein 
und Diskussionen über Feminismus 
hinter dem Ereignishorizont 
verschwinden lassen. 
Nur an die Kinder denken, 
immer nur an die Kinder. 
Die eigenen natürlich, denen man 
Wohl will, Aufmerksamkeit, Puppen, 
ferngesteuerte Autos, Drohnen schenkt, 
und alles, alles, was sie wollen. 
Und noch mehr. 
Die verhungerten, an Land gespülten, 
zu Tode gequälten, haben wir gründlich verschluckt. 
Bereinigt, beseitigt, begraben 
bevor unsere Kinder ihrer Gewahr werden. 
Unsere geliebten, immer mitgedachten Wesen 
aus unserem Fleisch und unserem Blut und unseren Träumen. 
Eschatologie. Weltenende. 
………… Eva Surma 

Blau-Pause
(1.1.2026)

Verachtung (oder “das Gute sehen”)
verachtung ist die neue blau-pause
im süden an der grenze
schäumen die gemüter
reissen aus büchern die seite
des wohlwollens
endlich wieder offener hass
als erlaubtes mittel
der provokation
die rechten reissen den
konservativen das ruder aus
dem geldbeutel
erfolgsgeschichten
menschengeschichten
werden herausgerissen
der triumpf der ökonomie
heult um die welt
………… gerlinde hacker

Blaupause.
Endlich Pause. Blau machen.
Blau sein. Sich warm lachen.
Locker machen und pausen.
Abpausen und heraustrennen,
aus dem Guten das Sehen entfernen.
Netze auftrennen, offene Wunden einrennen.
Sich verleugnen, aber Farbe bekennen.
Einigkeit heucheln und packeln im Talon.
Das kennen wir doch alle alles schon.
Babypause.
Bitte Pause, Baby. Pause!
Vollkommen aus dem Ruder laufen.
Wie ein echtes Luder saufen,
und damit den Blauen die Schneid abkaufen.
Ökonomietriumpf im Onkologensumpf.
Selbst den bösen Onkeln alles glauben
und sich schließlich vermännern.
Nicht nur verbrüdern.
Sondern rechtschaffen Blaupausen prüden.
Ausprüden, entprüden und prügeln,
was prüde scheint. Grün und blau sparen.
Schluss mit dem Schmarotzertum.
Ein Mal für uns alle.
Uns alle ein für alle Mal einmalen.
Und Pause. 
………… Eva Surma

Die Sparscheine hungern uns aus
(28.11.2025)

die sparschweine hungern uns aus
jetzt wird wieder eingespart
maastricht heult eine gerechte welt in den abgrund
rüstung wird ausgespart
wenn feminismus eingespart wird
grossgekotzte schrammen am strafrecht vorbei
kleine plätze werden nach vergewaltigern umbenannt
kinder sind rechtlos, wenn sie mädchen genannt werden
spenden kaufen
ungeniert
………… gerlinde hacker

Die Sparschweine hungern uns aus.
Mit ihren Spenden schenken sie sich und den Ärmsten
eine gemeinsame Bühne.
Die Sehnsucht, endlich selbst mittellos und gabenbedacht zu sein,
ist weihnachtlich religiös und puttenverprämt.
Sie befeuern unseren Hunger nach Frieden und Gerechtigkeit,
nach Gleichstellung und sozial verträglichem Ebenmaß.
Dann sagen sie uns augenzwinkernd den Kampf an und spiegeln uns vor,
wir könnten uns mit ihnen messen.

Lass die Finger von den feisten Sparschweinen!
Sie sind innen hohl wie ihre Herzen,
schwarz wie ihre Seelen. Leer
wie die politischen Phrasen, die davon künden,
dass nur erst das Budgetloch und dann natürlich die Migration, …
Schenk ihnen kein Ohr!
Keine Aufmerksamkeit, kein Vertrauen,
keine Perlen
vor die auf Hochglanz polierten
Sparschweine werfen!
Selber essen macht fett.
Und aufrichtiger Sex sorgt für das Ende jeglicher
herbeigebeteter Jungfräulichkeit auf der gestundeten Liegestatt.
………… Eva Surma

Lohnverhandlungen
(17.11.2025)

wir schnallen unseren gürtel enger 
der uns schlug 
schaufeln von unten nach oben 
bis ein kopf rollt 
und weiter zur patriachats routine 
freies leben wird domestiziert 
gekürzt, ausgehungert 
in die teilzeitarmut extrahiert 
die wut beult sich nach rechts aus 
kEinzelfälle fallen vom gabentisch 
der kompromiss hat uns klein geredet 
wie lange noch 
………… gerlinde hacker

Lohnverhandlungen in der Sozialwirtschaft. 
Nach dem Lehrstück WKO fragen sich alle: 
Wie lange noch? 
Nur Sozialarbeiter:innen kann man 
bei einer durchschnittlichen Inflation von 3% 
ein Lohnplus von 1,25% anbieten. 
Das Patriarchat ist kein Naturgesetz, 
postuliert Gertraud Klemm im Phallozän. 
Scheinbar doch! Wo bleibt der Aufschrei 
der Frauen, der Teilzeitbeschäftigten, 
der Kinder- und AltenGratisversorgenden? 
Der Krug geht solange zum Brunnen, 
bis die scheinheilige Weihnachtszeit 
alles mit jungfräulicher Geburt zupunscht. 
O du unglückselige Sozialarbeit. 
………… Eva Surma


Zu den Autorinnen:
Gerlinde Hacker ist Autorin, Literaturaktivistin und Projektgestalterin mit Sitz in Wien. Als Gründerin und Präsidentin der ≠igfem – Interessensgemeinschaft feministischer Autorinnen – arbeitet sie seit Jahrzehnten an der Schnittstelle von Sprache, Gesellschaft und politischer Vision. Ihre literarische Praxis ist untrennbar mit ihrem gesellschaftspolitischen Engagement verwoben: In Schreiblaboren, Lesungen, Performances und Theoriegruppen schafft sie Räume für feministische Stimmen und widerständige Gedanken.
Gerlinde Hacker ist Mitglied beim KSV.
 www.gerlindehacker.com 

Eva Surma lebt in der Südsteiermark und arbeitet als Sprachtrainerin für Deutsch als Fremdsprache. Sie ist Mitbegründerin des verein-freiraum in Leibnitz, arbeitet in der Frauenberatungsstelle und sieht Selbstbestimmtheit, Chancengleichheit und Gewaltprävention als Zentrum ihrer beruflichen Aufgaben. Sie schreibt Lyrik und Prosa auf Deutsch und Italienisch und ist Mitglied des österreichischen PEN und der IGfem. Prämierungen bei italienischen, österreichischen und kroatischen Literaturwettbewerben.
ZULETZT ERSCHIENEN:
– Eva Surma: Sommerschnee, Lyrik, Keiper 2025
– Maria Rössehumer, Eva Surma: Wenn Frauen zu sehr schuften, Keiper 2025

Zum Projekt:
Das ≠igfem Co-Writing-Projekt bringt Autorinnen aus unterschiedlichen Disziplinen und Schreibtraditionen zusammen, um gemeinsam neue literarische Formen zu entwickeln. Im Zentrum steht das kollektive Schreiben als feministische Praxis – ein Raum für Austausch, gegenseitige Inspiration und solidarische Autorinnenschaft. Durch gemeinsames Arbeiten an Texten, Ideen und Performances entsteht ein Netzwerk, das Kooperation über Konkurrenz stellt und die Sichtbarkeit von Autorinnen stärkt.
Infos unter: https://igfem.at/category/internetz_frauen/co-writing/

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